Brief vom Lehrer Lindau

Brief vom Lehrer Lindau an einen Auswanderer aus Martinskirchen

Warum ich Dir diese Zeilen schreibe?

Weil ich weiß, dass Du noch in Treue deiner Kindheitsheimat gedenkst. Zwischen den Zeilen von mancher deiner Briefe habe ich das gelesen. Und das ist recht so, denn Heimatliebe steht gleich neben der Liebe zu Vater und Mutter! Wertvoll und lieb sind mir solche Menschen.

Aber du hast Martinskirchen mit Kinderaugen gesehen, erinnerst dich vielleicht des großen Gutshofes mit dem mächtigen Schlosse, des Dorfes, wie es vor Jahrzehnten war, der alten Gnädigen, wenn sie mit ihren Töchtern in der Kutsche, auf dem Bocke saß der alte Hoffmann, durch das Dorf fuhr, des Inspektors Müller auf seinem Schimmel reitend und Pitt lief nebenher und noch manchen anderen dörflichen Bildes, das aus der Tiefe der Vergangenheit heraufsteigt. Aber du weißt nicht, wie das alles entstanden ist und auch nicht, wie die Gegenwart sich darstellt. Davon will ich dir etwas erzählen. Und woher ich die Ereignisse versunkener Jahrhunderte weiß?

Nun aus den alten Gerichtsakten, denn Martinskirchen war bis zum Jahre 1850 ein Patrimonialgericht; Käufe und Verkäufe, Klagesachen, Alimente und Ehescheidungen, Strafverfahren, Verwarnungen, Hutungs- und andere Gerechtsame, Grenzstreitigkeiten, kurz alles, was im menschlichen Leben nach Gerechtigkeit und Entscheidung ruft, ist mir durch das Studium dieser Gerichtsakten aufgegangen. Ich wäre vielleicht ein ganz eifriger und auch erfolgreicher Heimatforscher geworden, wenn nicht eines Tages des Jahres 1948 der immerhin noch erhebliche Rest der Schloßbibliothek, der der Verwüstung und Plünderung entgangen war, durch ein Lastauto mit unbekanntem Ziele abgeholt worden wäre. Und die Gegenwart – ich habe sie miterlebt und gedenke am Schlusse kurz darüber zu berichten.

Viel Zeit hatte man in vergangenen Jahrhunderten. Da ist mit dem Gänsekiel alles genau protokolliert und unterschrieben, und wer nicht schreiben konnte, der malte drei Kreuze, die dann von einem Schreibkundigen attestiert wurden. Heute geschieht dergleichen Schreibarkeit mit einer hochmodernen Schreibmaschine viel, viel schneller, ob gewissenhafter, bezweifle ich.

So will ich denn im folgenden einen kleinen Teil meiner Dankesschuld, an dich, lieber Ernst, abtragen, weil du in scherer Notzeit nicht vergessen hast deinen alten getreuen

Max Lindau und Frau

Pfarrhaus Altbelgern im Februar 1952

Aus der Geschichte des Rittergutes Martinskirchen

Das Rittergut Martinskirchen ist aus neun Gütern entstanden, von denen sechs in Martinskirchen und je eins in Altbelgern, Brottewitz und Langenrieth lagen. Die Martinskirchner Güter sind folgende:

Der Mönichsgut (bei dem Kirchhof zu Martinskirchen, welches Zacharien Mönichs gewesen). Diesen Hof besaß die Familie Mönich von der ersten Urkunde an gerechnet (1443) 117 Jahre. Die Entstehung aller Güter verliert sich überhaupt im Dunkel der Vergangenheit.

Das Rungegut (an der andren Seite des Kirchhofes, darauf die Runge gewohnet). Dieses Gut besaßen die Runges 96 Jahre. Die beiden Besitzer Bastian und Melchior Runge verkauften es im Jahre 1540 an Adam Balthasar Borschwitz.

Das Ferwerg (das Hannßen Porstewitz gewesen).

Das Villizgut (das Melchier Mönich Martin Villizen abgekauft und Villizgut genannt wird.

Das Hennengut als dessen erster Besitzer Peter Henn 1480 genannt wird. Seine Söhne Hans, Georg und Andreas verkaufen es im Jahre 1550 an Christoph Haugwitz. Diese Güter, mit Ausnahme des Rungegutes, brachte im Jahre 1560 Wolf von Körbitz an sich. Einige Jahre später erwarb er auch das Rungegut und war somit Besitzer der sechs Güter zu Martinskichen. Sein Sohn Wolf Dietrich von Körbitz verkaufte im Jahre 1579 das Hennengut an Hans von Seydewitz für 4500 Gulden. Damit war wieder eine Teilung eingetreten in das große Rittergut, das die ehemals Mönichschen Güter umfaßte und in das kleine Rittergut, das ehemalige Hennengut.

Zunächst die Schicksale des kleinen Rittergutes: Die Seydewitze besaßen es von 1579 bis 1669, also neuzig Jahre. Dann wechselte es oft den Besitzer und mag dadurch wirtschaftlich sehr herabgekommen sein:

  • Hans Christop von Kysewetter 1669 – 1674
  • Gottfried Mosern 1674
  • Gottfried Ernst Mosern 1674 – 1683
  • Heinrich Albrecht von Nischwitz 1683 – 1684
  • Joachim Friedrich Wengler 1684 – 1687

Er verkaufte das kleine Rittergut am 12. April 1686 für 10000 Gulden an den kurfürstlich sächsischen Stallmeister Johann Georg von Wehlen.

Und nun das große Rittergut: Es befand sich nur 3 Generationen im Besitz der Körbitze. Der Dritte, Wolf Georg von Körbitz mußte es – wahrscheinlich wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten – an die Geschwister von Ortrand verkaufen. Der letzte Lüttichau, Inocensius mit Vornamen, schloß mit den Erbzehnern seines Gutes am 18. Januar 1684 einen Arbeitsvertrag, dessen Original ich besitze. Inocensius von Lüttichau verkaufte das große Rittergut am 24. Juni 1687 für 27000 Gulden ebenfalls an den Herrn Georg von Wehlen. Somit waren nach 108 Jahren Trennung die Martinskirchner Güter wieder in einem Besitz.

Das Rittergut Altbelgern – Der letzte Besitzer hieß Hans Siegmund von Pflugk. Er verkaufte sein Gut für 10000 Gulden am 12. April 1686 gleichfalls an Herrn von Wehlen.

Das Rittergut Brottewitz – Herr von Wehlen kaufte es am 25. September 1691 von den Meißnerschen Erben für 6000 Gulden.

Das Vorwerk Langenrieth – kam nicht zu Wehlens Zeit zu Martinskichen. Am 21. November 1749 kaufte es der Besitzer des Rittergutes Martinskirchen Friedrich Wilhelm Graf von Brühl für 8000 Thaler von der Witwe des letzten Besitzers, des kurfürstlichen Obrist – Leutnant Hans Otten von Weißenbach.

Wo mögen diese Güter gelegen haben und wie groß waren sie?

Die Martinskirchner Güter gruppierten sich teils um die Kirche, teils nahmen sie den Raum ein, auf dem der heutige Gutshof steht. Das waren die am höchsten gelegenen Stellen von Martinskirchen. Nördlich der Kirche lag der Mönichshof. Er umfaßte den Platz zwischen Romerweg und der Schilfdelle. Auch das Mägelsche Grundstück gehörte noch dazu. Dieses ist erst im Jahre 1804 in Erbpacht an den Ackerhofmeister Merkel abgetreten worden. Das Mönichsgut umfaßte etwa 2/6 der Gesamtfläche.

Das Rungegut lang östlich der Kirche, da, wo heute der Schafhof ist. Es hatte 1/6 der Feldfläche.

Ferwerg und Villizgut befanden sich im Süden der Kirche, also in dem heutigen Paul Heynischen Garten (früher Hofmann) und in dem Raum der Grundstücke Jentzsch, P. Heyne, Felgner, Tischler Heyne, Berge und Dietze. Dieser Raum soll früher ein großer Garten gewesen sein. Beide Güter zusammen nahmen auch 1/6 ein.

Hennengut und freie Hofstadt standen auf dem heutigen Schloßraume und umfaßten etwa 2/6 der Gesamtfläche.

Das Rittergut Altbelgern lag rechts beim Dorfeingang von Altbelgern und war etwas größer als das Hennengut. Das Brottewitzer Gut lag nach Angabe des Herrn Horst Stephann da, wo heute der Weidnersche Gasthof steht. Der Gutsbesitzer Herr Ferdinand Krille bezeichnete sein Gut als den Platz des Rittergutes Brottewitz. Es war etwas kleiner und Langenrieth annähernd ebenso groß wie Altbelgern.

Johann Georg von Wehlen, kurfürstlich sächsischer Stallmeister und Amtshauptmann zu Torgau und Mühlberg, Generaladjutant und Kammerherr verwandelte die Güter unter landesfürstlicher Bestätigung aus Lehn- in Allodgüter und erhielt 1688 das Patronat der Kirchen Altbelgern und Martinskichen auf seine Besitzungen verliehen. Er vergrößerte die hiesige Kirche durch Verlängerung des Kirchenschiffes nach Osten und den Anbau der beiden Chöre. Seine Güter bewirtschaftete er mustergültig. Er vermehrte die Schafherde auf 1800 Stück und richtete ein Gestüt mit etwa 100 Pferden ein. Seine Erfolge in der Pferdezucht beweist, daß er bereits 1698 einen selbstgezogenen Hengst für 3000 Thaler und 2 Zuchtstuten für je 1000 Thaler verkaufen konnte.

Nach dem Vorbilde Inocensius von Lüttichaus schloß er mit seinen Gutszehnern einen Arbeitsvertrag ab, von dem in einem späteren Abschnitt die Rede sein soll.

Zum Gute gehörten eine Schiffsmühle und eine Schmiede. Im Jahre 1699 brannte durch Unvorsichtigkeit  eines Schützen das ganze Gut nieder. Herr von Wehlen baute es zeitgemäß wieder auf. Der alte Turm ist das letzte Überbleibsel dieses Baues.

Herr von Wehlen ist in der Gruft vor dem Altar beigesetzt. Sein Grabstein steht an der inneren Südwand in der Nähe des Altars. Der Bildhauer hat sich bemüht, der Oberfläche des Steines die Form eines leichtgespannten Tuches zu geben.

Der Stein trägt unter dem Signum (Simb: Secondo La volonta di Dio). Hier ruhet in Gott Herr Hannß George von Wehlen, so zu Dresden den 3. April Anno 1652 geboren., diente vier großen Kurfürsten und genoß dero beständige Gnade. Sein in nichts als einen ehrlichen Namen bestehendes Vermögen segnete Gott reichlich und machte ihn zu einem gesegneten Jacob an Kindern und Gütern, an Glück und Ehren.

Es folgt das Wehlensche Wappen, die Taube mit dem Ringe im Schnabel. Auch auf der Kirchturmspitze ist über dem Wetterpfeil die Taube mit dem Ringe. Wehlens ältester Sohn, auch Johann Georg geheißen, verkaufte am 6. Mai 1739 das Gut an den Landeshauptmann des Marggrafentums Niederlausitz, wie auch Kreishauptmann und Kreiskommissario, auch Obersteuereinnehmer Friedrich Wilhelm von Brühl  für 98000 Thaler. Diesem Grafen Brühl war es nicht um Landwirtschaft zu tun; er wollte in diesem Teile Kursachsens sich einen Landsitz schaffen.

Von 1754 bis 1756 ließ er das heutige Schloß erbauen. An der Südseite desselben legte er den sogenannten französischen Garten an mit zierlich verschnittenen Hecken, Bosketts, lauschigen Plätzen und Springbrunnen. In dieser Zeit wurden in Martinskirchen glänzende Feste und Parforcejagden gefeiert, an letzteren nahmen nicht nur die Herren, sondern auch die Damen zu Pferde und in roten Fräcken teil. Der Name „Hundeberg“ erklärt sich so, weil dort der Jägermeister die Hundemeute bereit hielt.

Im Jahre 1749 erwarb Brühl das Vorwerk Langenrieth, so daß die Herrschaft Martinskirchen die Güter Martinskirchen, Altbelgern, Brottewitz und Langenrieth umfaßte. Brühls Besitznachfolger waren seine beiden Söhne Hans Moritz und Heinrich Adolf. Nachdem der Letztere die Mündigkeit erlangt hatte, erfolgte zwischen den Brüdern eine Vermögensauseinandersetzung. Der ältere – Moritz – erhielt Martinskirchen, der jüngere – Adolf – erhielt Bedra im Kreise Merseburg. Wartenburg im Kreise Wittenberg bleib im gemeinsamen Besitz. Martinskirchen war von 1764 bis 1795 an die Landwirte Dietze und Schurig verpachtet.

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